Jeden Donnerstag in der zwölften Klasse kam ich fünf Minuten zu spät zum Geschichtsunterricht. Mit Absicht.
Herr Schutte war Mitte fünfzig. Ein Lehrer, den nichts mehr überraschen konnte. Bekannt war er für zwei Dinge: Pünktlichkeit und Geduld. Die leise, etwas erschöpfte Geduld eines Mannes, der dreißig Jahre Schüler auf denselben Holzstühlen gesehen hatte. Ich höre heute noch, wie seine schwarze Aktentasche auf dem Pult landet. Das Klicken der silbernen Verschlüsse. Das trockene Rascheln, wenn er dasselbe Schulbuch herauszog, aus dem wir seit September lasen. Aktentasche, Klick, Buch. Das war mein Signal. Zeit, in meinem eigenen Kopf zu verschwinden.
Ich war gelangweilt. Zutiefst. Und Langeweile sieht bei einem Siebzehnjährigen mit zu viel Energie selten nach Stillsitzen aus. Sie sieht nach Unfug aus.
Also wurde die Ausrede fürs Zuspätkommen zum kreativsten Teil meiner Woche. Ich behandelte sie wie ein Handwerk. Jeden Donnerstag eine neue Geschichte, ausführlich, in sich stimmig, mit ernstem Gesicht vorgetragen. An einem verschneiten Morgen erzählte ich Herrn Schutte, ich hätte warten müssen, bis eine Herde Pinguine die Straße überquert hat. Er sah mich lange über den Rand seiner Brille an. Dann zeigte er wortlos auf meinen Platz.
Ich setzte mich und grinste.
Was ich damals nicht verstand und wofür ich noch fünfzehn Jahre brauchte: Meine kreative Energie war intakt. Sie zeigte nur in die falsche Richtung. Ich war neugierig. Verzweifelt, fast schmerzhaft neugierig. Nur eben nicht auf die Französische Revolution.
Mich interessierte, warum es in Frankreich zur Revolution kam und in England nicht. Wie es sich angefühlt hat, 1789 Bäcker in Paris zu sein, während um dich herum die Welt zusammenbricht. Ob so etwas heute wieder passieren könnte und wie es aussähe. Diese Fragen haben es nie ins Klassenzimmer geschafft. Herr Schutte hatte einen Lehrplan abzuarbeiten.
Also erfand ich Geschichten über Pinguine.
Ich denke heute oft an dieses Klassenzimmer. Ohne Groll. Herr Schutte hat seinen Job gemacht, und zwar gewissenhaft. Was bleibt, ist eine leise Trauer über all die Fragen, die nie gestellt wurden. Von mir. Von den dreißig anderen auf den Holzstühlen. Alle mit Köpfen voller Warum und Was-wäre-wenn, und kein Ort, an den sie durften.
Da stirbt Neugier. Ohne Knall. Mit dem Klicken einer Aktentasche und einem Schulbuch, aufgeschlagen auf Seite siebenundvierzig.
Das Seltsame daran? Ich liebte Latein.
Gleiche Schule. Gleicher Schüler. Ähnliches Fach: alte Texte, tote Menschen, Antike. Mein Lateinlehrer Herr Frönd war anders.
Er saß vorne mitten unter uns, ohne Pult. Er flocht persönliche Geschichten in die Erzählungen aus dem alten Rom. Eben noch erklärte er eine grammatische Konstruktion, im nächsten Moment beschrieb er, wie es sich anfühlt, über das Forum zu gehen. Wir waren mit ihm dort.
Mitten im Satz hielt er inne, wenn ihn etwas begeisterte. Seine Augen leuchteten. „Wisst ihr, was an dieser Verbform faszinierend ist?“ Man merkte: Er fand sie wirklich faszinierend. Diese Begeisterung steckte an. Fälschen ließ sie sich nicht.
Weich war er trotzdem nicht. Er war fordernd. Er rief Schüler zufällig auf, zum Übersetzen oder für Vokabeln. Man wusste nie, wann man dran war. Und weil er die Sprache so tief beherrschte und so offensichtlich liebte, wollte niemand der sein, der nicht vorbereitet war. Strafe fürchtete keiner. Wir wollten ihn nicht enttäuschen. Den Zauber nicht brechen.
Gleicher Schüler. Gleiches Gehirn. Gleiche Fähigkeit zu lernen. Zwei völlig verschiedene Ergebnisse.
Die Lektion habe ich erst viel später verstanden: Das Problem war der Raum, in dem ich saß.
Und das wirft eine Frage auf. Wenn derselbe Mensch in einem Raum vor Langeweile eingeht und im nächsten hellwach ist: Was passiert da eigentlich? Warum blüht Neugier unter manchen Bedingungen auf und bricht unter anderen zusammen?
Hier wird die Wissenschaft spannend.
The Question Gap
Kinder zwischen 14 Monaten und fünf Jahren stellen im Gespräch mit Erwachsenen im Schnitt 107 Fragen pro Stunde.
Quelle: Chouinard, Harris & Maratsos 2007
Das sind fast zwei Fragen pro Minute. Ein endloser Strom aus Warum, Wie und Was-wäre-wenn. Die Art Neugier, die Eltern erschöpft und Forschende begeistert.
Schau einem Kind im Museum zu. Es liest nicht zuerst die Schilder. Es zeigt. Es fasst an. Es fragt. „Was ist das?“ „Warum ist das blau?“ „Darf ich das halten?“ „Was passiert, wenn …?“ Seine Neugier ist körperlich, dringend, nicht zu bremsen.
Jetzt schau einem Erwachsenen im selben Museum zu. Er liest die Schilder. Nickt wissend. Geht weiter. Macht vielleicht ein Foto für Instagram. Und fragen? Laut staunen?
Fast nie.
Von 107 auf fast null. Eine Klippe.
Lange galt das als natürlich. Erwachsenwerden hieß eben, weniger zu fragen. Mehr zu wissen.
Wir lagen falsch. Neugier reagiert auf Bedingungen. Der Verfall ist antrainiert.
John Medina ist Entwicklungsbiologe. In Brain Rules schreibt er, dass wir aus unserer Neugier in den sieben, acht Jahrzehnten auf diesem Planeten gar nicht herauswachsen können. Das Problem sitzt woanders. In unseren Klassenzimmern. In unseren Büros. In unserer Kultur.
Ab der ersten Klasse, so Medina, lernen Kinder, dass Bildung eine gute Note bedeutet. Sie lernen Dinge, weil sie etwas dafür bekommen. Die Faszination rückt nach hinten. Vorne steht die Frage: Was muss ich wissen, um die Note zu kriegen?
Und das dreht sich nie wieder zurück.
Aus „Warum ist das spannend?“ wird „Kommt das in der Prüfung dran?“
In genau diesem Wechsel vom Staunen zur Leistung stirbt Neugier.